Presse

Dresdner Neueste Nachrichten, 31.5.2016

Es war einmal
„Der Rose Pilgerfahrt“ bei den Pesterwitzer Konzerten
VON MAREILE HANNS

Vom Vorplatz der Jakobuskirche zu Pesterwitz hat man einen herrlichen Rundblick ins Land um Dresden und Freital. Die Sonne strahlte, die Vögel zwitscherten voller Inbrunst mit, ein Gläschen Pesterwitzer Wein und dazu ein genüsslicher musikalischer Ausflug in die romantische Märchenwelt selbstverständlich auf vortrefflichem Niveau – alles zusammen die perfekten Zutaten für einen späten Sommernachmittag im Frühling. Passend zum Austragungsort, der nach dem Pilger Jakobus d. Ä. benannten Kirche, widmete sich Anne Horenburg samt ihrem Chor, einer Pianistin und den notwendigen Solisten Robert Schumanns weltlichem Oratorium „Der Rose Pilgerfahrt“. Es wurde 1851 im Musiksalon der Stadtwohnung Schumanns in Düsseldorf uraufgeführt und erklang in Pesterwitz in selbiger Klavierfassung.
An die altmodische Textvorlage des Chemnitzer Gerichtsdieners Heinrich Moritz Horn für das Kunstmärchen muss man sich erst einmal gewöhnen und sich entführen lassen in die hochromantische Welt. Das Elfenmädchen Rose sehnt sich nach Menschsein und Liebe, erhält von ihrer Mutter, der Elfenkönigin, eine Rose als schützendes Totem mit. Sie geht ihren Weg ins Menschenreich, erlebt Hass und Liebe, Geburt und Tod, um nach ihrem Ende nicht ins Elfenreich zurückzukehren, sondern „in das Himmelreich zu den Engeln emporzuschwingen“. So weit die Geschichte, die heutzutage kaum überleben würde – wären da nicht Schumanns geniale Liedpretiosen.

Klangschön und abwechslungsreich
Das wirkt alles so emotionsreich, so ohne Ende klangschön und abwechslungsreich. Und Schumann lässt so wunderbar singen! Für die Pesterwitzer Aufführung stand Anne Horenburg ihr bestens aufgelegter Kammerchor zu Verfügung, gleichermaßen ausdrucksintensiv und stimmlich variabel. Ob es nun die lichten Elfenchöre der Damen, der kernig schmetternde Jägerchor der Herren „Bist du im Wald gewandelt“ oder der perfekte Mischklang in „0 selge Zeit“ – da gab es nichts zu mäkeln, alles war klanglich ausbalanciert und fein differenziert. Dass dieser Chor erst 1999 gegründet wurde und inzwischen diese überzeugende Qualität erreicht hat, ist kaum zu glauben. Am Flügel hatte Antje Hebenstreit eine große Verantwortung und die inspirierende Funktion der Aufführung. Für sie und ihre Leistung das Wort „zuverlässig“ zu gebrauchen, käme einer Beschimpfung gleich. Unaufdringlich und flexibel die Impulse gebend war sie einfach unverzichtbar. Toll!

Erfahrung und Entdeckung im Solistenensemble
Im Solistenensemble hielten sich Erfahrung und Entdeckung die Waage. Wegen Erkrankung musste über Nacht eine neue „Rose“ erblühen. Blitzschnell lernte Amrei Rebecca Beutle ihren Part und brillierte ohne Fehl und Tadel mit glasklar geführtem, geschmeidigem Sopran, gepaart mit gestalterischer Intensität. Eine herausragende Leistung! Dazu kam der helle, prachtvolle Tenor von Samir Bouadjadja, der auf sehr individuelle und überzeugende Weise eines kann, nämlich erzählen.
Dass Britta Schwarz gerade dieser Schumann am Herzen liegt, war unüberhörbar. Empfindsam und mit der für sie so ganz typischen Charakterisierungskunst tauchte sie in die höchst unterschiedlichen, für ihre Stimmlage vorgesehenen Partien ein – beispielsweise die Marthe, deren Bosheit einem schon Schauer über den Rücken rieseln ließ, oder das kecke Duett „0 liebe Mühle“ und das herrliche Lied „Im Wald, gelehnt am Stamme“, in dem sie all die Wärme und Schönheit ihrer Altstimme ausspielte – Britta Schwarz‘ zuzuhören ist eben immer ein Genuß. Markant und volltönend, dabei gestalterisch hellwach, gab Johannes G.Schmidt z.B. dem Totengräber eindrucksvoll Gestalt. Und auch bei dem Bariton Ingolf Seidel weiß man schon seit langem, was man hat – beste Qualität. Wie feinsinnig sang er etwa das Lied „Wer kommt am Sonntagmorgen“.

Frau Hanns erlaubte uns freundlicherweise, Ihre Kritik auf unserer Homepage zu publizieren.